IDENTITY
Ein Rezital für Klarinette und Klavier zwischen Ost und West – von Saint-Saëns und Schumann zu Chen Yi, taiwanesischer Oper und einer brasilianischen Legende.
Camille Saint-Saëns – Klarinettensonate op. 167
I. Allegretto
II. Allegro animato
III. Lento
IV. Molto allegro
Camille Saint-Saëns (1835–1921) war ein französischer Komponist, Organist, Pianist, Dirigent und Musikschriftsteller. Die Sonate für Klarinette und Klavier op. 167 entstand 1921 und ist Auguste Périer, Professor am Pariser Conservatoire, gewidmet.
Die Sonate gilt als Standardrepertoire und wird für ihre Eleganz, Schönheit und makellose Konstruktion geschätzt. Die Eröffnungsmelodie der Klarinette stellt sofort die lyrische, ausdrucksstarke Stimmung her, die das ganze Werk durchzieht. Der zweite und vierte Satz bieten munterere Linien, ohne je ins Virtuose abzudriften. Der traurige dritte Satz beschwört den Klang der Orgel herauf – des Instruments, für das Saint-Saëns berühmt war – und endet mit ätherischen, sanft aufsteigenden Akkorden, die nahtlos in den Schlusssatz führen. Dieser bringt eine fast nostalgische Wiederkehr der Eröffnungsmelodie. Die klassischen Formen spiegeln die tiefe Verehrung des Komponisten für seine Vorgänger, allen voran Mozart und Bach.
Chen Yi – Alte chinesische Tänze
I. Ochsenschwanztanz
II. Hu-Xuan-Tanz
In alten Zeiten, so heisst es, gab es ein Volk namens Ge Tian Shi. Drei Menschen tanzten mit Ochsenschwänzen in den Händen in langsamen Schritten und sangen acht Lieder, um Erde, das Totem des schwarzen Vogels, Pflanzen, Getreide, Natur, Himmel, Wetter und das Gedeihen des Viehs zu preisen. Die Gesten dieses Tanzes inspirierten die Komponistin zum ersten Satz.
Das Gedicht «Die Hu-Xuan-Tänzerin» des Tang-Dichters Bai Juyi beschreibt den Hu-Xuan-Tanz im Detail: einen energischen Tanz mit unablässig schnellen, wirbelnden Bewegungen, der in der Antike aus dem Westen nach China kam. Chen Yi fängt dieses Bild im lebhaften zweiten Satz ein.
Robert Schumann – Fantasiestücke op. 73
I. Zart und mit Ausdruck
II. Lebhaft, leicht
III. Rasch und mit Feuer
Die drei Fantasien stammen aus einer der glücklicheren Phasen in Schumanns Leben. Er schrieb sie im Februar 1849 in Dresden in kurzer Zeit; sie erschienen noch im selben Jahr. Ursprünglich für Klarinette gedacht und «Soiréestücke» genannt, gab Schumann an, dass sie auch auf Violine oder Cello gespielt werden können. Die drei Stücke bilden eine Einheit und bewegen sich von Dunkelheit zu Licht, von innerer Reflexion zu ausgelassener Freude – bis zur anschwellenden Coda, in der Schumann zweimal «schneller» verlangt.
Taiwanesische Volkslieder
«Pfirsichblüte nimmt die Fähre» (桃花過渡) – nach dem Arrangement von Yi-Chih Lu, Fassung für Klarinette und Klavier von Irene Chen
«Sehnsucht nach Frühlingsbrise» (望春風) – arr. Stephan Hodel
«Pfirsichblüte nimmt die Fähre» stammt aus der taiwanesischen Volksoper (Chariot Drum Theatre). Die junge Taohua will einen Fluss überqueren und trifft auf den tollpatschigen Fährmann. Sie vereinbaren einen Gesangswettstreit: Gewinnt sie, fährt sie gratis hinüber – gewinnt er, darf er sie heiraten. Der Text folgt den zwölf Monaten und ihren Festen und gilt als früher Vorläufer der koketten Wechselgesänge zwischen Mann und Frau.
Stephan Hodel – A Lenda do Boto
In einer Juninacht verlässt der Boto, der rosa Flussdelfin, den Amazonas und verwandelt sich in einen gutaussehenden jungen Mann. Ganz in Weiss gekleidet, mit einem Hut über dem Blasloch, verführt er beim Junina-Fest eine ahnungslose junge Frau – und verschwindet am Morgen wieder im Fluss. Bis heute sagt man in Brasilien von einem Kind ohne bekannten Vater, es sei «o filho do Boto». Ursprünglich für Posaune, Gitarre und Schlagzeug geschrieben, erklingt das Stück hier in einer neuen Fassung für Klarinette und Klavier.
